Klimawandel, Pestizide/Insektizide und das globale Insektensterben

Klimawandel, Pestizide/Insektizide und das globale Insektensterben

Unser Städtchen liegt mir zu Füßen. Von meiner Terrasse aus sehe ich wie sich der Fluss durch Tal und Wiesen schlängelt und abends, nachdem eine Straßenlaterne nach der anderen aufblinkt, warte ich auf Insektenschwärme. Vergebens. Früher tanzten sie um und in den Lichtern, heute nicht mehr. Früher knallten Insekten gegen Fensterscheiben, hinterließen Blutspuren, heute bleibt alles sauber. Selbst Autofahrer bleiben von zerquetschten Fliegen verschont. Zufall?

2017 veröffentlichte das Wissenschaftsjournal PLOS ONE eine Studie, die auf den Insektenschwund in Deutschland hinwies. Der Artikel berichtete über Insektenforscher, die in den Jahren 1989 bis 2015 wissenschaftliche Daten an über 60 Standorten gesammelt hatten. Die Ergebnisse der Forscher um Caspar A. Hallmann der niederländischen Radboud Universität in Nijmegen wiesen auf einen saisonalen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um 76 %. Über einen 27-jährigen Untersuchungszeitraum hinweg zeigte sich in Sommermonaten sogar ein Rückgang um 82 %. Dieser Rückgang, so die Wissenschaftler, trat unabhängig vom Lebensraumtyp der Insekten auf. Als mögliche Ursache gilt ein Verlust an Nahrungsquellen als Folge des Klimawandels sowie der zunehmende Einsatz von Pestiziden.

Tatsächlich gelten Pestizide als Hauptverursacher für das globale Insektensterben. Laut dem Umweltbundesamt wird in Deutschland ungefähr die Hälfte der Landesfläche landwirtschaftlich genutzt. Davon sind 71 Prozent Ackerland, 28 Prozent Grünland und 1 Prozent Dauerkulturen (Obst, Wein, Hopfen). Insbesondere auf Ackerflächen und in Dauerkulturen ist der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sehr hoch. Hier werden durchschnittlich 7,3 Kilogramm Pflanzenschutzmittel, beziehungsweise 2,4 Kilogramm Wirkstoff je Hektar und Jahr eingesetzt. Ein Problem für ökologische Systeme.

Neben Pestiziden schädigen auch Herbizide (Unkrautvernichter) und Fungizide (Pilzbekämpfungsmittel) Insekten indirekt, indem sie deren Nahrungsgrundlage durch den Verlust von Wildpflanzen reduzieren und physiologische Prozesse stören. In der Forschungsstation Randecker Maar wurde in einer 50-jährigen Untersuchung ein Rückgang der besonders nützlichen Schwebfliegen um 90 Prozent festgestellt. Insgesamt werden 42 Prozent der untersuchten Insekten in der Roten Liste als bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben eingestuft.1

Aber auch Menschen sind gefährdet. Dr. med. Sabine Stoletzki, Ärztin beim Giftinformationszentrum Nord (GIZ-Nord) der Universität Göttingen berichtete bei einem ihrer Vorträge schon 2010, dass jährlich 3.000.000 Menschen schwere Pestizid-Vergiftungen erleiden, davon enden 200.000 tödlich. 95% der Vergiftungen ereignen sich in den Entwicklungsländern. In Deutschland treten pro Jahr ca.400 schwere Vergiftungen auf.

Kann die Landwirtschaft ohne Pestizide auskommen?

„Im Bier und im Honig, auf Obst und Gemüse, im Gras auf Spielplätzen und sogar im Urin und in der Luft – überall lassen sich mittlerweile Spuren von Pestiziden aus der Landwirtschaft nachweisen. Dabei ist die Erkenntnis, dass sich Pestizide negativ auf die menschliche Gesundheit auswirken, keineswegs neu. Auch ist seit Jahren bekannt, dass sie massiv Insekten und Pflanzen schädigen und Gewässer kontaminieren.“

So lauten die einleitenden Worte im „Pestizidatlas 2022“, der gemeinsam von Heinrich-Böll-Stiftung, BUND, vom Pestizid-Aktionsnetzwerk und von Le Monde Diplomatique herausgegeben wurde.

„Wir führen eigentlich, das klingt ein bisschen makaber, einen chemischen Krieg gegen die Natur und zerstören einfach unglaublich viel damit“, sagt der Agrarökologe Johann Zaller, Autor des Buches „Unser täglich Gift – Pestizide, die unterschätzte Gefahr“.

Wie sieht Deutschlands ökologische Zukunft aus?

Laut einem Bericht der Bundesregierung ist der ökologische Landbau, der auf Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden verzichtet, das erstrebenswerte neue „agrarische Leitbild“.

„Wir haben uns auch darauf verständigt: 30 Prozent Öko-Landbau bis 2030 – und zwar nicht nur in der Fläche, sondern auch im Supermarktregal. Weniger Pestizide, weniger Dünger und mehr Natur“, sagte der frühere Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Cem Özdemir.2 Diese Nachricht wurde 2023 publiziert. Was hat sich seitdem geändert?

Tatsächlich gibt es in Deutschland seit 2023 keinen eindeutigen Trend zu einem Rückgang des Pestizideinsatzes, obwohl die Gesamtmenge im Vergleich zur Vorsaison vorübergehend um 20 Prozent gesunken war. Dieser kurzfristige Rückgang wurde laut Greenpeace-Analysen primär durch die steigenden Kosten der Spritzmittel und nicht durch eine strukturelle Reduktionsstrategie verursacht, ohne dass dies zu geringeren Ernteerträgen führte.3

"Leider sehen wir bei der Verwendung von Pestiziden in Deutschland keinen eindeutigen Abwärtstrend", sagt Jörn Wogram, Leiter des Fachgebiets Pflanzenschutzmittel im Umweltbundesamt. Die Menge der in Deutschland verwendeten Pestizide sei weiterhin sehr hoch und das auch im Vergleich zu anderen Mitgliedstaaten der EU, wie beispielsweise Dänemark.4

Welche Alternativen gibt es?

Alternativen zum Pestizideinsatz umfassen präventive Anbaumethoden und kulturelle Maßnahmen. Dazu gehört der Anbau resistenter Sorten, die Einhaltung von Fruchtfolgen und der Einsatz von Mischkulturen, um Schädlinge natürlich abzuhalten. In der Landwirtschaft regulieren Blühstreifen, Hecken und die funktionelle Biodiversität das Aufkommen von Schädlingen. Beispielsweise wurde durch den Einsatz von Sortenmischungen schon in der DDR ca. 80 Prozent der Fungizide bei Sommergerste eingespart. Auch in Kolumbien werden aktuell mind. 100 Mio. US-Dollar pro Jahr für Fungizide eingespart, indem sie Sortenmischungen im Kaffeeanbau verwenden. Es gibt somit Möglichkeiten chemische Keulen zu vermeiden. Weiterhin bietet der Einsatz von Nützlingen wie Raubmilben oder Marienkäfern, sowie Biopestizide auf Basis von Schwefel oder Eisen-III-Phosphat eine Möglichkeit Schädlingen entgegenzuwirken.

Was ist wichtig?

Im Interview mit Maria R. Finckh, Professorin für ökologischen Pflanzenschutz in der Landwirtschaft an der Universität Kassel wurden wichtige Schritte genannt. „Es müssen Infrastrukturen für einen erfolgreichen Mischanbau geschaffen werden, sowohl bei der Aufbereitung der Ernte als auch bei der Schaffung von Absatzmärkten und es muss auf jeden Fall die Stickstoffbremse gezogen werden – Stichwort Überdüngung. Wo zu viel gedüngt wird, braucht man mehr Pestizide– dieser Zusammenhang ist kristallklar. Das würde unsere Gewässer und die gesamte Umwelt entlasten.“5 Laut der Professorin würde dadurch der Lebensraum der Insekten begünstigt und somit für deren Fortbestand gesorgt.

Änderungen herbeizuführen ist immer schwierig, doch wie ein altes Sprichwort sagt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wollen ist gefragt.

Symptome einer Belastung/Vergiftung

Die Symptome einer Pestizidbelastung unterscheiden sich je nach Art der Exposition (akut oder chronisch) und dem betroffenen Wirkstoff.

Eine akute Pestizidvergiftung tritt kurz nach dem Kontakt (innerhalb von 48 Stunden) auf und äußert sich durch unspezifische, teils schwerwiegende Beschwerden. Die Symptome reichen von Kopfschmerzen, Hautreizungen oder Übelkeit bis hin zu schweren Organschäden – und gemäss dem UNEP-Report (2021) enden jährlich mindestens 11.000 Vergiftungsfälle tödlich.6 Die überwiegende Mehrheit der Fälle betrifft Bäuer*innen und Landarbeiter*innen in Schwellen- oder wenig industrialisierten Ländern.

Der wiederholte und langfristige Kontakt mit Pestiziden wird auch mit chronischen Krankheiten in Verbindung gebracht. Nur: Einen kausalen Zusammenhang zwischen Pestiziden und chronischen Erkrankungen herzustellen, ist oft schwer, da die Symptome sich in der Regel erst nach vielen Jahren entwickeln und oft durch vielfältige Faktoren verursacht oder begünstigt werden. Das Journal of Toxicology and Applied Pharmacology veröffentlichte 2013 eine Analyse der wissenschaftlichen Literatur, die «eine riesige Sammlung von Belegen» für den Zusammenhang zwischen Pestizidexposition und hohen Raten bei chronischen Krankheiten wie «verschiedenen Krebsarten, Diabetes, neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer oder amyotropher Lateralsklerose (ALS), angeborenen Fehlbildungen und Fortpflanzungsstörungen» darstelle. Besonders gefährdet sind Kinder, vor allem wenn sie in frühen und kritischen Entwicklungsphasen «aussergewöhnlichen Risiken» ausgesetzt seien, warnt UNICEF.7

Nachweis einer Belastung

Trinkwasser

In Deutschland setzt die Trinkwasserverordnung strenge Regeln: Der Wert für einen einzelnen Wirkstoff darf 0,1 Mikrogramm pro Liter nicht überschreiten, die Gesamtkonzentration aller Pestizide liegt bei maximal 0,5 Mikrogramm pro Liter. Trotz dieser Limits sind Insektizide und ihre Abbauprodukte (Metaboliten) in einem erheblichen Teil der deutschen Grundwasserproben nachweisbar, wobei der stoffunabhängige Summengrenzwert in 3,6 % der Proben überschritten wurde.8

Nachweis in Blutproben

Der Nachweis einer Insektizid/Pestizidvergiftung im Blut erfolgt primär durch Blutuntersuchungen, die spezifisch auf Organophosphate oder Carbamate testen. Diese Laborbefunde bestätigen die Diagnose, die sich sonst auf Symptome und die Beschreibung der Vergiftungsumstände stützt. Weitere Informationen: https://microtrace.de/de/humandiagnostik/umweltshyschadstoffe/

Therapie einer Pestizidvergiftung

Die Therapie einer Vergiftung basiert auf der sofortigen Dekontamination (Abwaschen der Haut, Entfernen kontaminierter Kleidung) und einer symptomatischen Unterstützung der Atem- und Herzfunktion. Je nach Wirkstoffklasse kommen spezifische Antidote zum Einsatz: Bei Vergiftungen durch Organophosphate werden Atropin und Pralidoxim verabreicht, um die Blockade des Enzyms Acetylcholinesterase zu lösen. In jedem Fall ist ärztlicher Beistand notwendig. Bei Verdacht auf eine akute Vergiftung sollten sofort die Giftnotrufzentralen (in Deutschland unter der Nummer + 19240) kontaktiert werden.

Insekten retten mit dem Insektenschutzgesetz

Bei dem im Juni 2021 verabschiedeten Insektenschutzgesetz handelt es sich um ein Gesetzespaket mit Änderungen des Bundesnaturschutzgesetzes und der Pflanzenschutzanwendungsverordnung. Die Verabschiedung des Pakets kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Ergebnis vor allem beim Pestizidverbot in Schutzgebieten deutlich hinter den Vereinbarungen des Aktionsprogramms Insektenschutz der Bundesregierung zurückgeblieben ist. Regelungen für die Landwirtschaft in Form von Einschränkungen bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln, z.B. in Schutzgebieten werden in der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung getroffen, wobei ein Erschwernisausgleich für betroffene Landwirte vorgesehen ist. Dieser Schritt in die Richtung Insektenschutz ist notwendig, wird aber nur mit der Beteiligung der breiten Bevölkerung erfolgreich sein. Das bedeutet u.a.: Obst- und Gemüse aus ökologischem Anbau bevorzugen, denn diese sind eine weitaus bessere Wahl, wenn es um Pestizidbelastung geht. Biologisch erzeugte Produkte sind weitgehend rückstandsfrei und oft kaum teurer als konventionell angebaute Produkte.

Laut Forschern der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg , hat sich die Situation des Insektensterbens seit von 20 kaum gebessert und ohne ein globales Umdenken in Politik, Landwirtschaft und bei Großunternehmen bleibt die Erholung der Insektenpopulationen unwahrscheinlich

Ob ich je wieder das Insektenschwirren um die Lichter der Laternen verfolgen und bewundern kann, bleibt ungewiss.

Autorin: E. Blaurock-Busch PhD

Quellen / Literatur

  1. Wulf Gatter, Hartmut Ebenhöh, Raoul Kima, Walter Gatter, Frank Scherer. 50-jährige Untersuchungen an migrierenden Schwebfliegen, Waffenfliegen und Schlupfwespen belegen extreme Rückgänge (Diptera: Syrphidae, Stratiomyidae; Hymenoptera: Ichneumonidae. Entomologische Zeitschrift. Sept. 2020
  2. https://www.deutschlandfunkkultur.de/pflanzenschutz-ohne-chemisch-synthetische-pestizide-100.html
  3. https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/landwirtschaft/anbau/pestizide
  4. https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/pestizide-umwelt-eu-glyphosat-101.html
  5. https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/agrarpolitik/anbau/257/oekologische-alternativen-zum-pestizideinsatz
  6. https://www.unep.org/resources/annual-report-2021
  7. https://www.publiceye.ch/de/themen/pestizide/hochgefaehrliche-pestizide/die-verheerenden-gesundheitsfolgen
  8. https://checknatura.de/Checknatura-Lexikon/Wasser/Pestizide-im-Trinkwasser
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