Schadstoffe in der Innenraumluft

Wenn Innenraumschadstoffe die Bewohner belasten, können weit reichende Gesundheitsstörungen ausgelöst werden. Verschärft wird heutzutage die Schadstoffproblematik durch die bautechnisch genormte luftdichte Gebäudehülle, was in Innenräumen, vor allem in den Wintermonaten, zu einem geringeren Austausch mit sauerstoffreicher Frischluft führen kann.

Darüber hinaus verweilt der Durchschnittsmitteleuropäer immer länger in Innenräumen. In Deutschland leiden ca. 30 Millionen Menschen an Allergien. Gefährliche oder allergieauslösende Inhaltsstoffe aus Möbeln und Baumaterialien sind besonders für Kleinkinder, ältere Menschen, chronisch Kranke und Sensible gefährlich.

Symptome, die vornehmlich nur in Innenräumen und außen nicht auftreten, wie Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit, Atemprobleme oder Augenreizungen, können die ersten Anzeichen von Schadstoffen in Innenräumen sein. Aber wie wohnt man „gesund“? Wo findet man gesundheitsverträgliche Produkte und sollte man den Prüfzeichen grenzenloses Vertrauen schenken?

Bis zum Jahre 2009 wurden ca. 50Mio chemische Substanzen bei der CAS registriert (www.cas.org). Täglich kommen ca. 15000 neue hinzu und Mittlerweile sind etwa 128Mio chemische Substanzen dort gelistet.
128.000.000 chemische Substanzen !!!
Aus technischer Sicht ist das eine perfekte Ausgangssituation um Produkte aller Art für spezielle Anforderungen zu konzipieren um sie dann „verbrauchergerecht“ auf den Markt zu bringen.
Aus ökonomischer Sicht ist diese Entwicklung ebenfalls sehr lukrativ um das geforderte jährliche „Wachstum“ zu gewährleisten.

Aufgrund der sehr hohen Anzahl an möglichen chemischen Stoffen und Verbindungen, macht eine Einzelstoffbetrachtung für den „normalen“ Menschen wenig Sinn. Vielmehr sollte man grundsätzliche Verhaltensweisen befolgen um sich bestmöglich vor Schadstoffen in der Innenraumluft zu schützen. Bei Allergikern oder anderen sensiblen Menschen die auf bestimmte Stoffe reagieren ist dies natürlich gesondert zu betrachten. Hier ist eine Quellensuche unerlässlich wenn bestimmte Stoffe in der Raumluft vorhanden sind.

Einteilung von chemischen Substanzen in Gruppen nach ihren Siedepunkten

Chemische Stoffe können in den verschiedensten Aggregatzuständen (fest, flüssig, gasförmig) in Innenräumen vorkommen. Deshalb kann man sie grob nach ihren Siedetemperaturen einteilen. Man spricht hierbei von Flüchtigen organischen Substanzen (Volatile organic compounds = VOC)

Flüchtige organische Substanzen (VVOC, VOC)

Flüchtige und stark flüchtige organische Verbindungen nehmen wir hauptsächlich über die Atemwege auf. Das bedeutet, dass hier die Möglichkeit besteht, dass Stoffe aus der Raumluft direkt über die Lunge in unsere Blutbahn gelangen können und dort sofortige, auch spürbare Reaktionen auslösen können ( z.B Narkosegas, Zigarettenrauch, Lösemitteldämpfe).
Für mich sind diese Stoffe die „ehrlichen“ Schadstoffe.
Man kann sie in der Regel riechen, man kann Auswirkungen relativ schnell spüren, der Körper entwickelt automatisch eine Vermeidungshaltung und man kann somit auch darauf reagieren in dem man den Raum verlässt, die Quelle sucht oder einfach lüftet. Denn die schnell flüchtigen Substanzen haben den Vorteil, dass sie sich sehr schnell wieder ablüften lassen.

In älteren Gebäuden kommen flüchtige Substanzen (VOC,VVOC) eher selten vor. Das liegt daran, dass sie in der Regel durch Trockenprozesse oder Oxidationen (Alterung) entstehen und somit mit dem Alter der Baustoffe abklingen. Bei Renovierungen oder Neubauten hingegen ist mit erhöhten VOC Emissionen in der Raumluft zu rechnen. Diesen kann man jedoch durch eine bewusste Auswahl geeigneter Baustoffe sowie vermehrtem Lüften entgegenwirken, bis die Raumluftqualität wieder auf ein angemessenes Maß gestiegen ist. Eine wichtige Betrachtungsweise ist hier auch die Herkunft der VOC’s. So sind petrochemisch hergestellte organische Verbindungen kritischer zu betrachten, als jene die aus natürlichen Quellen stammen.

Neben den verwendeten Baustoffen, die man in vielen Fällen nicht ändern kann gibt es als Quellen für flüchtige organische Verbindungen auch viele andere Möglichkeiten die man durch sein Verhalten direkt beeinflussen kann. Reinigungs- und Pflegemittel, Parfüme, Duftkerzen, E-Zigaretten, Raumlufterfrischer, Weichspüler usw. .

Mittelflüchtige organische Substanzen (SVOC)

Mittelflüchtige organische Schadstoffe wie Weichmacher, Biozide oder Flammschutzmittel, die aus diversen Gebrauchsgegenständen und Materialien der Innenausstattung austreten, reichern sich vor allem im Hausstaub an. Aus Anwendungen in der Vergangenheit stammen die „Altlasten“ Pentachlorphenol (PCP), Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). PAK sind zum Teil an ihrem charakteristischen Geruch erkennbar.
SVOC sind im Gegensatz zu den VOC und VVOC in der Regel nicht so leicht bemerkbar. Das bedeutet, dass unser Körper kein direktes Schutzprogramm bei dem Auftreten von SVOC in der Atemluft starten kann. Somit läge ein mögliches Gefährdungspotential nicht in dem Bereich von einer akuten Beeinträchtigung als viel mehr in der langfristigen Exposition.

Diese Unterteilung von chemischen Substanzen in Siedepunkte ist für den Bewohner in soweit aussagekräftig, da sich dadurch leicht abschätzen lässt, wie mögliche chemische Substanzen in der Innenraumluft auf unseren Körper einwirken und welche präventiven Maßnahmen zur Verringerung dieser Schadstoffe in Innenräumen hilfreich sein können.

Man kann sich das in etwa so vorstellen:

VVOC: stark flüchtige organische Verbindungen kann man sich vorstellen als einen aufgeblasenen Luftballon den man ohne ihn zu verschließen loslässt. Er fliegt mit hoher Energie quer durch den Raum. Stellt man sich nun einen Raum mit geöffneten Fenster und Türen und vielen dieser Luftballons vor, so wird klar, dass innerhalb kurzer Zeit viele der Luftballons aus den Fenstern und Türen fliegen werden.
Ebenso kann man sich denken, dass Personen in diesem Raum permanent von den schnellen Luftballons getroffen werden. Das heißt unser Körper kann sie oftmals wahrnehmen.

VOC: Flüchtige organische Verbindungen sind dann gemäß dem obigen Beispiel zugebundene aufgeblasene Luftballons die durch ein Zimmer schweben. Von der Luft getragen schweben sie durch den Raum und gelangen hauptsächlich durch das Fenster nach außen, wenn sie von einem Luftzug dort hinausgetragen werden. Bei geschlossenen Räumen werden sich die VOC immer mit den Konvektionsströmen der Raumluft (warme Luft steigt auf z.B. am Heizkörper) bewegen. Ab und zu bekommt dann ein Bewohner einen Luftballon ab und nimmt dies wahr als unangenehmen Geruch oder als Kopfschmerzen, Schwindel, Schlaflosigkeit, Atemprobleme oder Augenreizungen.

SVOC, POM: Mittelflüchtige organische Verbindungen kann man dann als aufgeblasene Luftballons mit etwas Wasser darin betrachten. Gelangen sie in die Raumluft, sinken sie aufgrund ihres Gewichtes nach unten oder hängen sich an Staubpartikel fest. Aus diesem Grunde sind sie durch gutes Lüften nicht immer aus dem Raum entfernbar. Hier ist eine regelmäßige Reinigung erforderlich. SVOC lassen sich im Hausstaub nachweisen. Sie werden über den Mund (verschlucken) oder die Haut aufgenommen.

Wenn man nun erkennt, dass es Stoffe gibt, die sehr leicht ablüftbar sind, welche die bei starkem durchmischen der Raumluft und Querlüftung gut ablüftbar sind und solche, die sich im Staub ansammeln und eigentlich nur durch beseitigen des Staubes entfernbar sind, ergeben sich folgende praktische Maßnahmen um eine möglichst schadstoffarme Innenraumluft zu bekommen.

1. LÜFTEN, LÜFTEN, LÜFTEN
2. Staub wischen

Sollte eine Wohnung gerade neu renoviert worden sein, oder sind neue Einrichtungsgegenstände hinzu gekommen, so empfiehlt es sich über die folgenden Wochen grundsätzlich mehr zu lüften. Die Nase hilft dabei wie lange man dies tun sollte.
Da wir ja nicht immer wissen welche Arten von Schadstoffen sich in der Luft befinden (VVOC, VOC,SVOC) empfiehlt es sich immer beim Lüften die Fester ganz zu öffnen und quer zu lüften.
Erinnern wir uns an den „Teil 1 CO2“, so wissen wir, dass wir unabhängig von möglichen Schadstoffen in den Innenräumen sowieso aus hygienischen Gründen je nach Anzahl der Menschen im Raum und Größe des atembaren Luftvolumens in dem Raum alle ca 60 min lüften sollten. Wenn wir diesen Rhythmus einhalten wird die Gefahr von Beeinträchtigungen durch Schadstoffe enorm verringert.

Damit wir die staubgebundenen Schadstoffe (SVOC,POM) beseitigen empfiehlt es sich regelmäßig feucht Staub zu wischen. Staub saugen ist hier eher kritisch zu sehen, da oftmals zwar der grobe Schmutz in den Filtern hängen bleibt, der Feinstaub zusammen mit den Schadstoffen aber durch die Filter oder Undichtigkeiten am Sauger wieder in die Raumluft geblasen werden kann. Zudem erzeugen viele herkömmliche Staubsauger durch ihre Abluft weitere Verwirbelungen im Raum, die den Staub dann nur noch mehr verteilen. Empfehlenswert sind in solchen Fällen zentrale Absauganalgen, die die Abluft nicht in die Wohnräume blasen.
Des Weiteren sollte beim Staub wischen darauf geachtet werden, dass durch die Verwendung von Reinigungsmitteln keine zusätzlichen Schadstoffe in den Wohnraum eingebracht werden. In der Regel reicht reines Wasser aus. Kann auf Reiniger nicht verzichtet werden so ist es ratsam auf Produkte mit einer Volldeklaration zu achten und auf Farb,- Duft- und unnötige Zusatzstoffe zu verzichten.
Wenn wir uns den Titel dieses Artikels nochmal ins Bewusstsein rufen (Die Atemluft- unser wichtigstes Lebensmittel), dann heißt dies, das je naturnaher unsere Atemluft ist, umso besser für unser Wohlbefinden und unsere Vitalität.
Die „natürliche“ Luft besteht aus den Bestandteilen Stickstoff, Sauerstoff, Edelgase, Kohlendioxid (CO2), sowie Wasser, Stäuben und anderen ortsabhängigen chemischen Substanzen. Die Stäube und chemischen Substanzen sind die Bestandteile der Luft, die es zu reduzieren gilt. Wenn man nun zum Reinigen von Stäuben (um SVOC zu entfernen) Reinigungsmittel verwendet die eben auch SVOC und andere flüchtige organische Verbindungen beinhalten, dann hört sich dies nicht wirklich nach einem sinnvollen Unterfangen an.
Es lässt sich sicherlich im Alltag nicht alles vermeiden, jedoch kann man durch eine gezielte Suche nach Produkten, die nur das nötigste an Inhaltsstoffen besitzen und vor allem auf Duftstoffe(Parfüms) und Farbstoffe (ein grüner Reiniger ist nicht gleich als ökologisch oder „gesund“ zu betrachten, nur weil er eine grüne Farbe hat!) verzichten, den unnötigen Eintrag von Schadstoffen verringern.
Prinzipiell lässt sich sagen, dass alles was man riechen kann ein zusätzlicher chemischer Stoff ist, der in der „normalen“ natürlichen Luft nicht vorkommt. Das heißt, dass man mit jedem Atemzug zusätzliche chemische Substanzen einatmet mit denen der Körper umgehen muss und die ihn im Zweifelsfalle belasten. Daran sollte man unbedingt denken, wenn man sich in ein Bett mit frisch duftendem gewaschenem Bettüberzug legt. Oder Kleidung anzieht, die nach Weichspüler riecht, Parfüm auflegt, eine Duftkerze anzündet oder Duschgel, dass nach Pfirsich riechen muss verwendet.

Wie oben schon erwähnt macht es in meinen Augen keinen wirklichen Sinn, wenn es um Schadstoffe in der Innenraumluft im privaten Bereich geht, eine Einzelstoffbetrachtung durchzuführen. Vielmehr geht es aus praktischer Sicht darum grundsätzlich unnötige Stoffe zu vermeiden und durch die oben beschriebenen Verhaltensweisen (Lüften, Staub feucht wischen) für ein hygienisches und somit behagliches Umfeld zu sorgen.

Robert Simon
Dipl. Ing. (FH) Holztechnik
Leiter des Arbeitskreises Gesundes Wohnen